herr tietz pellt sich ein ei auf konkret

Falls es jemanden interessiert: Mit Marit Hofmanns Ausstieg bei Konkret ist meine Mitarbeit für das Heft beendet. Und vermutlich auch gar nicht mehr erwünscht. Jedenfalls nicht so lange die Tochter (formerly known as Fritzi Busch) dort was zu melden beziehungsweise programmatisch nicht mehr anzubieten hat als "insgesamt mehr Gremliza". So jedenfalls hat es Friederike Gremliza als frisch eingesetzte Herausgeberin in Konkret 2/20 ausgestoßen: "Nicht unbedingt jünger, weiblicher, queerer oder gar hipper", so hat sie da die neue Heftlinie postuliert.

Ich bin mit 61 nicht mehr der jüngste, aber einigermaßen männlich, nicht sehr queer, und ob sonderlich hip, weiß ich nicht, möchte aber trotzdem nicht für ein Magazin arbeiten, das nun offenbar unbedingt älter, unweiblicher und verschnarchter werden bzw. – um den Quatsch noch mal zu betonen – "mehr Gremliza" sein will, – und das, obwohl doch zugleich, wie es die Tochter im selben Atemzug bzw. Editorial mit diesem apodiktischen "Gremliza ersetzen kann niemand" tat, die Heiligsprechung des im Dezember verstorbenen Großen Vorsitzenden eingeleitet wurde und somit wohl auch die geistige Mumifizierung des Magazins.

Tatsächlich geschrieben habe ich schon seit Monaten nichts mehr für Konkret. Mein letzter Text erschien im September 2019. Spätestens aber nach dem Ableben Hermann Gremlizas wollte ich auf keinen Fall mehr liefern – trotz der großen Wertschätzung für Marit Hofmann, der allerbesten Redakteurin, und den von ihr verantworteten Kulturteil. Es ging einfach nicht mehr.

Zwei Gründe gab es dafür. Der erste war Gremlizas wütender Erlaß gegen den Kollegen Martin Jürgens, der es im vergangenen September gewagt hatte, dem reaktionären Kunstverständnis Michael Scharangs, einem engen Freund des Hauses Gremlizas, in einem von der Redaktion bestellten Artikel in Konkret zu widersprechen – und darauf vom Herausgeber kurzerhand von der Autorenliste gestrichen wurde; Jürgens hat diesen Rauswurf in einer Rundmail und dem Jahrbuch "Ach, Kleist! No. 2" im Oktober öffentlich gemacht. Die Öffentlichkeit hat's damals aber kaum interessiert. Der zweite Grund war ein mir bis dato unbekanntes Gespräch zwischen Hermann P. Piwitt und Hermann L. Gremliza, veröffentlicht zu dessen 60. Geburtstag in Der Freitag; vor allem eine Passage daraus stieß mir auf, in der es um die Herkunft Gremlizas aus den eher großbürgerlichen Stuttgarter Kreisen geht, – und dass er doch deshalb in der Welt der Medien leicht einen Durchmarsch hätte hinlegen können, hätte er nicht "mit den herrschenden Milieus gebrochen", wie Piwitt das nennt, um dann diese Frage an den Jubilar zu richten: "Welche früheren Erfahrungen, welche späteren Einsichten bewegten dich dazu?“

Darauf Gremliza: "Ich hatte Glück. Meine Eltern waren keine Nazis, ich musste also nie mit ihnen brechen oder so tun als ob, wie die vielen Achtundsechziger, die das gesagt, aber nicht getan haben. Das hat mir ein bisschen mehr Freiheit und wohl auch die Frechheit gegeben, mir zu nehmen, was ich wollte. Mit 26 wollte ich zum Spiegel, also ging ich zum Spiegel, habe dort nach zwei Monaten zum ersten Mal gekündigt, war nach zwei Jahren der jüngste der leitenden Redakteure. Das ging, auf Schwäbisch: wias Kendlesmache, so easy, dass es auch nicht viel bedeutete, die Karriere aufs Spiel zu setzen und aufzugeben, als sich in dem Streit, den wir mit dem Verleger über redaktionelle Mitbestimmung angefangen hatten, die Frage der Ehre gestellt hat. Augstein wunderte sich damals sehr, dass ich sein Angebot, ich solle Chef des Bonn-Ressorts werden, was auch doppeltes Gehalt bedeutet hätte, wenn ich das Maul hielte, eine Zumutung nannte. Wie sehr ein solches Nein gegen Korruption immunisiert, ist mir später angesichts einiger jüngerer Kollegen klargeworden, die sich für Peanuts ihre Meinung abkaufen ließen: Wo die hinwollten, kam ich her, ihr Ziel war mein Start gewesen.“

Zweifellos hat sich Hermann L. Gremliza einige publizistische Verdienste erworben. Auch ich war immer interessiert an seinem oft brillant formulierten Zeug, konnte allerdings nur selten in die teils hymnischen Lobpreisungen seiner zuletzt immer kruderen Weltanschauungen einstimmen ("Ich, Josef Stalin (II)*"). Sein Geschäftsmodell indes fand ich schon lange nur noch gewitzt (um nicht schräg oder widersprüchlich zu sagen) – weil es ja eigentlich eines ist, das nur so lange funktioniert wie die Verhältnisse, gegen die Gremliza anschrieb (oder so tat als ob), sich nicht wesentlich ändern – aber gut, geschenkt. Seine Kundschaft wollte das so lesen, also bediente er sie. Vor allem aus Respekt gegenüber der unverbrüchlichen Loyalität und Verehrung, die der Kumpel und großartige Konkret-Kolumnist Horst Tomayer seinem Mentor und Freund Gremliza entgegenbrachte, hab ich das jahrelang akzeptiert.

Spätestens aber mit der Kenntnisnahme jenes Freitag-Gesprächs – ich ergoogelte es zufällig im Zuge einer Aftertodnachlese – und insbesondere der zitierten Passage, mochte ich nichts mehr akzeptieren. Angefangen von den Äußerungen über seine Eltern (die vielleicht keine eingetragenen Nazis waren, denen aber der Vater in seiner leitenden Funktion beim Daimler ordentlich zugearbeitet haben dürfte), bis hin zu der sagenhaften Arroganz, die sich im letzten Satz jener Passage erbricht, war mir schlagartig jede Lust und Bereitschaft vergangen, jemals wieder einen Finger für Gremlizas Magazin zu krümmen. Oder anders gesagt: nicht mal im Ansatz wollte ich in den Verdacht geraten, da hin zu wollen, wo dieser Sohn her kam. Erst recht nicht für das Nüsschen von 50 Euro netto, das einem die Gremlizas für eine ausgefeilte Kolumne von 7000 Zeichen überweisen ließen, um nur mal eines der Almosen zu beziffern, die sie einem für die angebliche Ehre, in Konkret publizieren zu dürfen, hinwarfen. Um vom Rest, wie man ja längst ahnte, aber nie laut zu Ende denken mochte, den eigenen und Tomayers Schilderungen nach (ja, Horst war auch immer eine begnadete Plaudertasche) nicht gerade unkomfortablen Lebensstil zu bestreiten? Sehr wahrscheinlich.

Nein, ich werde vorerst nicht mehr für Konkret schreiben. Daran ändert übrigens auch nichts das Wissen um Gremlizas ideologisch plausibelste Leidenschaft: für den Golfsport nämlich, bekanntlich eine der proletarischeren Freizeitgestaltungen hierzulande, die er, solange er konnte, aktivst betrieb. Und auch die sich nun abzeichnende Wandlung des linksradikalen Magazins Konkret zum bizarren Tochter-Versorgungswerk mit angeschlossener Schreibwerkstatt (Leitung: Dr. Michael Scharang) wird mich kaum umstimmen können.

Ende der Durchsage, – aber klar: "Der Kampf geht weiter!", wie es Marit in ihrer Abschiedsmail formulierte.
Ach so: Mit Konkret als Medienpartner der Horst-Tomayer-Gedenkradfahrt dürfte es jetzt ebenfalls Essig sein; sehr groß allerdings war das Interesse seitens Redaktionsleitung und Herausgeber nie. Mit Marits Ausscheiden bei Konkret sehe ich die Verbindung der Gedenkradfahrt zur Redaktion als endgültig gekappt an.

Fritz Tietz
Foto: Klaus Henning