„Man merkt, dass sich der 27. Januar nähert. Der Anteil der Nazipost vergrößert sich“, schrieb die Schriftstellerin Ramona Ambs im Januar letzten Jahres, nachdem ihr jemand – natürlich unter Pseudonym – das Foto einer Zyklon-B-Kartusche zugeschickt hatte. „Noch auf Lager“ hatte das ungeputzte Arschloch in die Aufnahme insertiert.
Sie sei inzwischen zu müde, jede Hasspost zu melden, sagte die jüdische Autorin damals. Tat es in diesem Fall dann aber doch – mit einem einmal mehr ernüchternden Ergebnis: „Die Anzeige wurde an die Staatsanwaltschaft weiter geleitet. Dort liegt sie nun seit Sommer 2025 ... ich jedenfalls hab nie mehr was gehört.“ Das, so resümiert Frau Ambs ein Jahr später, sei wohl dieser engagierte Kampf gegen Rechtsextremismus, der in wenigen Tagen wieder allseits beschworen werde.
Damit meint sie natürlich den offiziellen „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“, der seit – immerhin! – 1996 zum jeweils 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, begangen wird. Allem voran mit einer Gedenkstunde im Bundestag, bei der neben der obligaten Erinnerung an die Verbrechen der Nazizeit immer, wenn auch eher pflichtschludrig, an „die Verantwortung“ appelliert wird, nämlich „hinzuschauen, Menschlichkeit zu verteidigen und jüdisches Leben zu schützen – jeden Tag“, wie es Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) auch vor dem diesjährigen Gedenktag in einer Pressemitteilung wieder eher runterleiert als wirklich überzeugend versichert.
Ramona Ambs hat folglich so ihre Zweifel: „Erklärt mir in Euren diesjährigen Gedenkreden doch mal, warum das mit dem Schutz jüdischen Lebens hier so hapert. Warum so eine Anzeige wie meine ein Jahr lang keine Folgen hat. Warum hier immer wieder Leute demonstrieren dürfen, die nachweislich Judenhass in ihre Mikrophone brüllen. Und wieso es möglich ist, dass jüdische Studenten vor unseren Universitäten abgefangen und bedroht werden? Es wäre wirklich prima, Ihr würdet uns lebende Juden mal genauso wertschätzen wie unsere ermordeten Vorfahren.“
Tatsächlich sind es an den bisherigen Gedenktagen überwiegend überlebende Juden gewesen, die Wertschätzung erfuhren, indem sie als Gastrednerinnen in den Bundestag eingeladen wurden. Hoch verdiente Damen und Herren allesamt, einige schon so betagt, dass sie nur gestützt ans Rednerpult treten konnten. Um von dort dann aber den versammelten Repräsentanten des Nachfolgestaates mit mehr oder weniger festen Stimmen die Leviten zu lesen. Mit welchem Erfolg, lässt sich leider nur zu deutlich an den Sympathiewerten für die AfD ablesen.
Für den diesjährigen Gedenktag galt die 87jährige Holocaustüberlebende Tova Friedman als fest gesetzt, den Part der Mahnerin zu übernehmen. Um so mehr überraschte die kurzfristig durchgesickerte Nachricht, dass die Rede doch nicht von ihr, sondern von der 1917 geborenen und 1943 hingerichteten polnischen Partisanin Niuta Tajtelbaum gehalten wird. Und damit erstmals überhaupt von einer ermordeten Jüdin. Ein hochkomplexes KI-Verfahren mache das kurzfristig möglich, hieß es.
„Uns war wichtig, einmal von einer jüdischen Zeitzeugin zu erfahren, die sich so entschlossen wie gewaltbereit den deutschen Besatzern widersetzte und so, wenn auch leider nur für kurze Zeit, zur triumphalen Siegerin wurde; eine Rolle, die man jüdischen Menschen hierzulande traditionell eher nicht so gerne zugesteht", so wurde die Änderung begründet. Und weiter: "Mit Niuta Tajtelbaum werden wir eine Gastrednerin haben, die für kämpferischen Mut und gnadenlose Unversöhnlichkeit gegenüber dem Nazipack steht; dem damaligen genauso wie dem heutigen. Sie wird so sprechen, dass den AfD-Typen, aber auch den Rechtsradikalen in der CDU der Angstschweiß nur so die Arschritze runter rinnen wird."
Doch wer war – oder ist? – jene Niuta Tajtelbaum, die als junge Frau während der Besatzung Polens etlichen Deutschen den Garaus machte. „Kaum älter als sechzehnjährig aussehend und mit blonden Zöpfen, die so lang waren, dass sie sich darauf setzen konnte, betrat sie ein gut bewachtes deutsches Gebäude, erschoss einen Nazioffizier in dessen eigenen Büro und verließ es mit einer Unschuldsmiene, die man nur einem Mörder mit ‚nordischen Rassemerkmalen‘ zutrauen würde", wie das der Journalist Reuben Ainsztein beschrieb. Nicht minder abgebrüht, erledigte sie später einen hochrangigen Gestapo-Mann in seinem Lotterbett.
Gemeinsam mit ihrer Partisanengruppe sprengte „die kleine Wanda mit den Zöpfen“, wie sie zärtlich genannt wurde, mehrere Bahngleise, und damit den deutschen Nachschub an die Ostfront. Auch an einem Angriff auf ein Warschauer Café, Treffpunkt hoher Wehrmachts- und SS-Offiziere, war die Kommunistin beteiligt. Sie überfiel am helllichten Tag eine Bank und half nach Ausbruch des Warschauer Ghettoaufstands mit, eine MG-Stellung der SS auszuschalten. Als sie schließlich von den Nazis erwischt wurde, verriet sie trotz schwerer Folter keinen ihrer Kameraden.
Man darf also gespannt sein, was diese junge Ermordete den Nachkommen ihrer Meuchler zu sagen hat. Nächstes Jahr sollte dann aber wieder eine lebende, vielleicht jüngere Jüdin im Bundestag sprechen. Was spricht dagegen, wenn das die Heidelbergerin Ramona Ambs übernimmt?
Fritz Tietz (Januar 2026)
Niuta Tajtelbaum, geboren 1917, war eine polnische Untergrundkämpferin im besetzten Warschau. 1943 von den deutschen Besatzern ermordet, spricht sie am 28. Januar 2026 im Bundestag. Foto: Wikipedia
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